Talleyrands Entschluss

Talleyrands Entschluss

Er hatte seine Aktentasche wie jeden Abend im Flur an der Garderobe abgestellt. Bettencourt war eben erst aus der Stadt gekommen, sie war von der Galerie aus zu Fuß gelaufen, über die Brücke und dann den schmalen Weg hoch, der vom Strand aus hoch nach Drei Zypressen führte. Er wirkte wie immer, aber in seine Augen lag ein verdächtiges Funkeln. Fragend sah sie ihn an, nachdem sie ihn umarmt hatte.

„Mit dem heutigen Tag wird sich mein Leben entscheidend verändern. Ich habe die Leitung der Bank übergeben und möchte reisen, Nicole. Ich möchte die Welt sehen, mich treiben lassen, mein Leben genießen…und ich…möchte dich fragen, ob du dabei an meiner Seite sein willst.“

aufbruch_001  aufbruch_002

Sie hatte seine Worte nicht mehr genau im Kopf, als sie sich über das Papier beugte um in ihrem Tagebuch die Ankunft auf der Insel festzuhalten. Noch am gleichen Abend waren sie von Neuville aus mit dem Boot nach Cannes gereist und dann losgeflogen. Ein letzter Flug mit dem Privatjet, der an die Bank zurückgehen würde am nächsten Tag. Die Insel war nichts weiter als ein winziger grüner Punkt im östlichen indischen Ozean. Belisario. Ein Name, der auf der Zunge zerging, der nach Gewürzen duftetet, nach dem Salz des Ozeans und der grünen Kraft von tropischen Wäldern. Die letzte Strecke bis zu dem winzigen grünen Punkt im großen Blau legten sie mit dem Boot zurück. Trotz kräftigen Seegangs erreichen sie die Insel noch in der Nacht.

In Neuville würde sich Anais um die Abwicklung ihrer Angelegenheiten kümmern. Vielleicht war es ein Abschied für immer. Talleyrand hatte sie deutlich darauf hingewiesen. Neuville war ihr gemeinsames Zuhause gewesen. Drei Zypressen ein Mädchentraum. Aber, so hatte sie erklärt, ein Zuhause, das sind nicht vier Wände und ein Dach. Ein Zuhause haben wir bei den Menschen, die wir lieben. Talleyrand war ihr Zuhause. Er hatte genickt und sie geküsst, bevor sie zum Packen nach oben gegangen war.

aufbruch_005

Der Fußmarsch von der Anlegestelle über den schmalen Pfad, der durch den Wald und über schmale Klippen bis hin zu ihrem Haus führte, war lang und im Dunkeln klangen die Laute der Tiere furchteinflößend. Bettencourt war froh, dass die Träger das Gepäck bereits heraufgeschaffft hatten. Auf dieser Seite der Insel herrschte in der Nacht wirklich Dunkelheit, nur das Mondlicht malte ein sanftes Glitzern und Schimmern auf die Wellen. Aber selbst jetzt konnte man die tosenden Wasserfälle weder übersehen noch überhören, die, neben der nördlichen Bucht die Blicke von der Terrasse aus auf sich zogen. Bettencourt hielt den Atem an. Diese Insel war von einer urtümlichen Rauheit, die sie in keinem der Ferienressorts, in denen sie mit Talleyrand je gewesen war, erlebt hatte. Das Haus befand sich auf einer Klippe, ein einfaches Holzhaus, ohne sanitäre Anlagen, umgeben vom wuchernden Urwald und zu seinen Füßen nichts als die Brandung, die sich gegen die Felsen anwarf. Erst jetzt am Haus setzte sie Hercule, ihren kleinen Terrier auf den Holzplanken ab und hoffte, dass er nicht dumm genug war um in den Wald rauszulaufen, wo es sich Tiere gab, die ihn an Größe und Kraft weit übertrafen.

aufbruch_006

Größe und Kraft. Talleyrand hatte sie die Kleider ablegen lassen und verschloss den schmalen Reif wieder um ihren Hals. Belisario. Eine Insel mit einer interessanten Geschichte, soviel hatte er auf dem Weg hierher verraten. Als sie nackt war, ließ er sie seine Größe und seine Kraft spüren und fickte sie von hinten, am Geländer stehend, mit Blick über die Bucht. Manche sagen, dass wir beim Sex zu uns selbst finden. Bettencourt verwandelte sich beim Sex in ein großes, willenloses Gefäß. Eine Scheide für ein Schwert. Ein Ding, das zu jemandem gehörte. Etwas Sich-selbst-im-anderen-Auflösendes. Sein Eigentum.

Danach erst sahen sie sich im Haus um. Ein Bett. Ein Schrank. Eine Sitzecke und ein Schreibtisch. Mehr nicht. Die aufs Nötigste reduzierte Existenz, die sich selbst genug war. Er nippte an seinem Scotch und begann zu erzählen, warum Belisario im Privatbesitz war und welche Art von Gesellschaft hier Studien betrieb. Während er sprach, rückte die gepflegte Gediegenheit von Neuville mehr und mehr in den Hintergrund ihres Bewusstseins.

Das Leben war eine abenteuerliche Reise ohne Rückflugticket.

ankunft_003

****************************************************************************

“There are no foreign lands. It is the traveler only who is foreign.”

(Robert Louis Stevenson)

Advertisements
Ostern im Jardin St. Benoit

Ostern im Jardin St. Benoit

Ostern_flyer

Wer der Geschichte vom Osterhasen lauschen mag, der ist herzlich eingeladen sich am Samstag, den 19.04. um 20.00 Uhr im Garten neben der Kirche einzufinden.

Veranstalter & Hauptrolle:

Juliette von der Chocolaterie Neuville-sur-Mer

Herzschläge

Herzschläge

Bettencourt hatte Glück. Die Sprechstundenhilfe winkt sie sofort durch zu Durand, so dass sie nicht erst einen Termin machen musste für die Untersuchung. Sie hatte Philippe versprochen, dass sie sich auf ihre Tauglichkeit zum Gerätetauchen untersuchen lassen würde und überdies konnte sie ihn sonst auch nicht mehr zu weiteren Tauchstunden treffen. Durand saß wie meist an seinem Tisch, über Unterlagen gebeugt. Als er sie bemerkte, trat wieder dies warme Lächeln in das sonst eher kühl wirkende Gesicht.

Während der Untersuchung war sie noch  halb bei Chin Ho Kelly, den sie auf dem Weg in die Stadt aufgesucht hatte. Tatsächlich hatte Shosha auch auf ihre SMS nicht geantwortet, so dass sie seine Sorge nun nachvollziehen konnte. Er wirkte übernächtigt, fast ein wenig wie von Sinnen vor Sorge und sie kam nicht umhin ein wenig nachzubohren, ob etwas vorgefallen war. Was sie dabei erfuhr, traf sie so überraschend, dass sie später noch in Ruhe darüber nachdenken musste. Ob es wirklich mit Shoshas Verschwinden zu tun hatte, vermochte sie nicht zu sagen.

kelly_001

Durand stellte zu Beginn einige Fragen, mit den meisten wusste sie nicht wirklich viel anzufangen. Nach einigem Nachbohren von Durand begriff sie dann, dass man für das Gerätetauchen ziemlich gut schwimmen können musste. Und bekam prompt rote Ohren. Sie konnte überhaupt erst seit einigen Wochen schwimmen und die längste Strecke, auf die sie zugegebenermaßen ziemlich stolz war, war das einmalige Überqueren der Bucht. Merde! Durand grinste spürbar und ging dann nicht weiter darauf ein, sie musste ihm jedoch versprechen, dies ihrem Tauchlehrer mitzuteilen und auf sich achtzugeben.

Weiter ging es dann mit dem praktischen Teil der Untersuchung. Da Durand offenbar ihre Herzschläge unter Belastung anschauen musste, bekam sie ein kleines portables Gerät mit und erhielt den Auftrag in den nächsten Tagen eine Runde joggen zu gehen, bis sie wirklich außer Atem war. Bettencourt seufzte. Derart anstrengende Sportarten gehörten nicht wirklich zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, aber da er Sex von vorrneherein als nicht geeignet ausschloss, fügte sie sich in ihr Schicksal.

durand_001

Hätte Durand ihr das Gerät bereits angelegt, dann hätte er im Anschluss, als sie zum Bistro kam, gleich ein paar außergewöhnlich hohe Ausschläge bemerken können. Bettencourt wusste selbst nicht, warum sie rot anlief, als sie Philippe Renouard dort im Gespräch mit einer Frau am Tisch sitzen sah. Allerdings erging es dem Flic nicht viel besser, er war so verlegen, dass er sogar vergaß sie zu begrüßen. Zunächst jedenfalls. Dann stammelte er eine höfliche Floskel und folgte ihr mit seinem Blick an den Nebentisch, wo sie sich ein Glas gut gekühlten Weißwein bestellte.

Als Nathen dazu kam, von den fortgeschrittenenen Renovierungsarbeiten an seinem Haus berichtete und sich überdies für den nächtlichen Baulärm entschuldigte, war sie fast ein wenig erleichtert über die Ablenkung. Nach einiger Zeit kam auch Sia Amando hinzu, so dass die dahinfließenden Tischgespräche sie ein wenig abbrachten von der Frage, warum Renouards Präsenz derart heftige Gefühlsausschläge in ihr hervorrief. Er war nur ein Junge. Mon dieu! So alt wie sie selbst, aber völlig unerfahren. Er war nicht besonders gebildet und unbeholfen wie ein neugeborenes Rindvieh, das gerade erst lernte auf seinen stelzenartigen Beinen das Gleichgewicht zu halten.

Erst als Renouard den Nebentisch verlassen und Sia sich nach der Herkunft ihres Sonnenamuletts erkundigte, das sie zuvor angemessen bewundert hatte, ergriff sie fast ein wenig hektisch die Flucht und trat den Heimweg an. Das Gespräch mit Kelly ging ihr ebenso wenig aus dem Kopf wie ihr Herzklopfen im Angesicht des jungen Flic.

Als Bettencourt stürmisch von Hercule begrüßt wurde, ahnte sie noch nicht, dass sie später am Abend erneut mit Renouard konfrontiert werden würde. In einer dienstlichen Angelegenheit.